Für fast 30 Milliarden Euro übernimmt der Bund Uniper. Ökonomen halten den Schritt für zwingend, weil der angeschlagene Gas-Importeur systemrelevant ist. Doch könnte er weitere Kosten nach sich ziehen.

Zuletzt gab es das während der Finanzkrise vor 14 Jahren, dass Unternehmen “too big too fail” genannt wurden – also zu groß, um pleite zu gehen; könnte die Pleite doch eine Kettenreaktion nach sich ziehen. Uniper scheint nun wieder so ein Fall zu sein. Hierbei handelt es sich um den größten deutschen Erdgas-Importeuer und laut Wirtschaftsministerium um eine “zentrale Säule der deutschen Energieversorgung”. Mehr als hundert Stadtwerke kaufen ihr Gas bei Uniper und versorgen damit viele Millionen Verbraucher. Hinzu kommen zahlreiche Industriekunden, die direkt bei Uniper Gas beziehen.

Doch der Konzern, der vor gut sechs Jahren aus einer Abspaltung des Stromkonzerns E.ON hervorging und seitdem in finnischer Hand war, hat zu einseitig auf billiges russisches Gas gesetzt. Wegen ausbleibender Lieferungen muss der Konzern nun Gas auf dem sogenannten Spot-Markt teuer einkaufen, um langfristige Verträge einzuhalten. Das führt nach Angaben von Uniper zu Verlusten von 100 Millionen Euro am Tag. Der finnische Mutterkonzern Fortum hat den Gesamtverlust mittlerweile auf rund 8,5 Milliarden Euro beziffert.

Staatseinstieg als Verlustgeschäft?

Diese Schulden übernimmt nun quasi der deutsche Staat. Er plant eine Kapitalerhöhung im Umfang von acht Milliarden Euro. Im Gegenzug bekommt der Bund neue Aktien zum Preis von jeweils 1,70 Euro. Zusätzlich will der Staat den kompletten Anteil von 78 Prozent übernehmen, der bisher dem finnischen Energieversorger Fortum gehörte. Dafür werden weitere 0,48 Milliarden Euro fällig. Ein richtiger Schritt, glaubt Michael Heise, Chef-Volkswirt beim privaten Vermögensverwalter HQ-Trust. Auch wenn ein Staatseinstieg aus Sicht des Volkswirts ein Verlustgeschäft sein könnte. “Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, dass dort wieder ein großer Unternehmenswert entsteht, der dem Staat einen guten Ausstieg ermöglicht”, so Heises Prognose. Uniper müsse sich umstellen und auf neue Bezugsquellen zugreifen. Es werde erhebliche Zeit brauchen, bis der Konzern wieder in die schwarzen Zahlen hineinkommen könne – wenn überhaupt. “Insofern ist es leider nicht absehbar, dass der Staat – wie bei anderen staatlichen Beteiligungen in letzter Zeit – einen Gewinn macht.”

Ohne Staatseinstieg unabsehbare Kosten

Ob die Steuermilliarden gut angelegt sind, ist aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers André W. Heinemann bei der Uniper-Rettung nicht die ökonomisch relevante Frage. “Alle direkten und indirekten sozialen Kosten, die vermieden werden, weil dieser Gasimporteur gerettet wird, sollten diesen im Raum stehenden acht Milliarden Euro gegenübergestellt werden”, argumentiert der Professor für bundesstaatliche und regionale Finanzbeziehungen an der Universität Bremen gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Die Frage nach kurzfristigen Risiken für die Steuerzahler solle in diesem Fall in den Hintergrund treten, so Heinemann, denn die volkswirtschaftlichen Kosten dürften viel höher sein, wenn der Staat bei Uniper nicht so handeln würde.

Ähnlich sieht es der Düsseldorfer Ökonomie-Professor und Regierungsberater Jens Südekum. Durch die hundertprozentige Staatsbeteiligung an Uniper sei erst mal Ruhe eingekehrt am Gasmarkt. Eine Insolvenz von Uniper hätte den Gasmarkt ins Chaos gestürzt. Konkret hätten laut Südekum im schlimmsten Fall Millionen Gaskunden der Stadtwerke kurz vor dem Winter ohne Gas dagestanden. Der Staatseinstieg bei Uniper ist somit nicht nur eine Konzern-Rettung, sondern sorge dafür, dass die Energieversorgung der Bürger im Winter gewährleistet bleibt.

Weitere Staatseinstiege dürften folgen

Die endgültigen Kosten für den Steuerzahler kann man nach Ansicht von Ökonom Südekom derzeit aber noch nicht beziffern. Die Verluste bei Uniper liefen ja erstmal weiter – solange der Konzern gezwungen sei, teuer Gas einzukaufen, das er – vertraglich gebunden – billiger verkaufen müsse. Irgendwann, wenn die langfristigen Kundenverträge ausgelaufen seien, könne Uniper die Gas-Preise auch wieder hoch setzen. Dann werden die Stadtwerke nach Einschätzung des Ökonomie-Professors die gestiegenen Preise aber an die Verbraucher weitergeben.

Die Regionalversorger und Stadtwerke benötigen nach Insider-Informationen der Nachrichtenagentur Reuters ebenso wie Uniper staatliche Unterstützung wegen der Energiekostenexplosion. Der Bund prüfe derzeit mögliche Hilfsmaßnahmen. Auch prüft die Bundesregierung nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios, auch die Gazprom-Tochter SEFE zu verstaatlichen. Die frühere Gazprom Germania – jetzt: Securing Energy for Europe, kurz SEFE – steht bereits unter Treuhandschaft des Bundes, um die Versorgungssicherheit in Deutschland mit Gas zu gewährleisten.

Ob sich auf lange Sicht der Staatseinstieg bei Uniper doch noch rentieren könnte, ist derzeit schwer abzuschätzen. Nach Ansicht von Südekum hängt viel davon ab, ob es Uniper gelingen wird, sich zu einem zukunftsfähigen Unternehmen zu transformieren. Denn anders als bei der Rettung der Lufthansa stehe hinter Uniper kein intaktes Geschäftsmodell. Ein großer Teil des Kerngeschäfts von Uniper war es, billiges Gas aus Russland zu importieren. Und das ist nach Ansicht des Ökonomen für immer vorbei.

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